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Dem Glauben gegoldet

Wie oft bin ich in meinem Leben mit einem dieser Uralttaxis durch muffigfeucht riechende, trostlose Vorstadtslums gefahren, wo man sich dann bange fragt, was zum Henker man in einer solchen Stadt mit all dem Chaos aus Lärm, Abgasen und halbfertigen Betonbauten eigentlich sucht. So auch hier. Bis – ja, bis plötzlich wie eine unausgesprochene Verheißung die Silhouette eines goldenen Mysteriums am Horizont auftaucht, buchstäblich so wie Rudyard Kipling es in seinen „Briefen aus dem Orient“ beschrieb: „Ein funkelndes, großartiges Wunder, das in der Sonne glänzte.“ Seither sind weit über 100 Jahre vergangen, aber der Anblick der Shwedagon Pagode ruft heute genau dieselbe schlichte Einsicht wach, die dem großartigsten Erzähler des Britischen Empire wie eine Offenbarung vorkam: „Und die goldene Kuppel sagte zu mir: Das hier ist Burma, ein Land, das anders ist als alle anderen, die du kennst.“

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Foto: David Lubek

Über Hunderte von Treppenstufen, vorbei an endlosen Reihen von Devotionalienläden erreiche ich die riesige Plattform am Fuß der Pagode, und die Welt wird unfassbar golden. Ich lasse mich treiben, schließe mich den hunderten, ja tausenden Pilgern an, die diese heiligste Stätte des Buddhismus umkreisen, sitze auf kühlen Mamorstufen, suche Jupiter, den Altar meines Geburtswochentags (Donnerstag) mit der Ratte als Wächter und zünde ein paar Räucherstäbchen an. Ich war dort zu jeder Tages- und Nachtzeit, Nachts um Vier, Mittags um Zwölf. Es ist ein magischer Ort. Die Zeit scheint ihre Endlichkeit zu verlieren, wenn über dreitausend, sanft vom Wind bewegte Goldglöckchen klingen, Räucherkerzen ihren Duft verbreiten, Mantras, die über Lautsprecher kommen, mit den Gongschlägen der schweren Bronzeglocken wechseln und eine Atmosphäre schaffen, die einen total aufsaugt inmitten von Betenden, Meditierenden, Versunkenen, aber auch Familien, die sich mit Freunden treffen, spielenden Kindern oder Gruppen von kichernden Teenagern und Heerscharen von Touristen.
Die Ursprünge der Shwedagon Pagode liegen im Dunkeln. Sie reichen fast zweieinhalb Jahrtausende zurück. In ihren Kammern sollen Reliquien aufbewahrt sein, darunter acht Haare des vierten Buddhas Siddhartha Gautama, der als Begründer der Lehre verehrt wird. Jahrhunderte wurde an ihr gebaut, eine Königin stiftete ihr Körpergewicht in Gold, Pilger und Herrscher verkleideten sie gleichsam Schale um Schale mit immer neuen Gold und verzierten sie mit zigtausenden Edelsteinen, es war ein immerwährendes Anwachsen, bis sie einer goldenen Zwiebel gleich ihre jetzige Höhe von 98 Meter erreichte. Sie ist das Nationalheiligtum von Birma, ein Symbol auch der burmanischen Freiheitsbewegung. 1920 stand sie im Brennpunkt der Studentenrevolte gegen die britische Kolonialregierung und Aung San Suu Kyi, die Oppositionsführerin und Friedensnobelpreisträgerin hielt auf ihren Stufen im August 1988 ihre erste große Rede gegen die Militärmachthaber.
Unbeeindruckt vom geschäftigen Treiben auf dieser Flaniermeile der Meditation lebt jeder für sich ganz seinen Glauben. Aber was hier geschieht, ist kein Gottesdienst, die Shwedagon Pagode ist kein Gotteshaus und der Buddhismus keine Religion, er kennt keinen Gott. Gläubigen wie Mönchen wäre daher auch jeder Gedanke an ein kollektives Beten wie im Christentum oder im Islam vollkommen fremd.

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Foto: David Lubek

Das Seltsamste aber ist der ungeheure Reichtum, der hier angehäuft wurde, und seine Diskrepanz zum Leben der Menschen, die das Wenige, das sie besitzen, Buddha, dem Erleuchteten, opfern, weil ihre tiefe Frömmigkeit sie auf ein besseres Leben nach dem irdischen Dasein hoffen lässt. Tonnen von Gold wurden hier angehäuft, und auch jetzt kaufen die Menschen an den Ständen Blattgold, um es zu spenden, damit die 17 000 Kupferplatten mit denen die Pagode abgedeckt ist, neu belegt werden kann. Und doch existiert in Wahrheit diese Diskrepanz gar nicht, es existiert keine „Kirche“, die diesen unfassbaren Reichtum an sich ziehen würde. Im Gegenteil. Alles Gold an diesem Ort symbolisiert die vollkommene Loslösung der Menschen von jeglichem Besitz, und nirgends hat das Wort des römischen Dichters Propertius, wonach die Menschen das Gold anbeteten und dafür den Glauben vertrieben, eine solche Widerlegung erfahren.
Nicht nur an diesem heiligen Ort: Auch in den Slums, die selbst für asiatische Verhältnisse unbeschreiblich schmutzig und heruntergekommen sind, begegnen einem die Menschen mit einer Freundlichkeit und einer inneren Ruhe, die jeglichen Neid aus ihren Herzen verbannt hat und den Alltag vollkommen durchdringt. In einem metaphorischen Sinn ist man beinahe versucht zu sagen: In dieser Art von Gelassenheit hat es unsere Zivilisation nicht weiter gebracht als zu dem peinlichen Wort von der „Entschleunigung“. Gold ist uns immer noch derselbe Köder und der große Verderber, und die Menschen sind noch genauso raffgierig und einander unsympathisch wie vor zweitausend Jahren. Die verblüffendste Lehre, die man aus einem Aufenthalt in diesem Land mit nach Hause nehmen kann, ist die Erkenntnis, dass dem Buddhismus eine Kraft innewohnt, die Menschen tatsächlich verändert. Ob das so bleibt, kann niemand wissen. Ich bin niemandem begegnet, der die gegenwärtigen, dramatischen Umwälzungen nicht mit einem ungläubigen Staunen verfolgte und angesichts der schlimmen Vergangenheit nicht zögern würde, allzu große Hoffnungen auf eine Zukunft in Freiheit und Wohlstand zu setzen. Mein Hotel in Rangoon (Yangon) war voll mit chinesischen Geschäftsleuten. Sie lockt die Aussicht, Birma oder Myanmars (wie es von den Militärs umbenannt wurde) schon wegen seiner Lage zwischen den Wachstumszentren Indien, China, Thailand und Vietnam einen nie dagewesenen Boom zu bescheren. Dem Buddhismus indes ist die asiatische Fortschrittsgläubigkeit fremd, und ich wüsste auch nicht, ob man dem Land wünschen soll, dass es so werde, wie alle anderen Länder Asiens längst geworden sind.

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Foto: David Lubek

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