
21 Mai Florenz floriert
Wo Männer noch elegante Männer sind – im Herzen der Toskana, auf den Catwalks der wichtigsten Herrenmodemesse Pitti Uomo und auch auf uraltem Straßenpflaster in den Gassen. Was Mann hier vom Latin Lover lernen kann: Satisfashion.

Wenn die Pitti Uomo in Florenz stattfindet, dann verliert Michelangelo’s David, der berühmteste Mann der Stadt, für eine kleine Weile an Aufmerksamkeit. Doch zahlreiche Konkurrenten, die nicht ganz so spärlich bekleidet sind, eilen zur beliebten Messe für Männermode.
Wenn der frühe Flieger von München nach Florenz voll ist von diesen schwarzen avantgardistischen Vögeln, die sich nach der Landung auf die wenigen Taxis stürzen und anschließend in Scharen in die angesagten Restaurants und Bars einfallen – dann ist Männermodemesse in Florenz. Eigentlich nur für Fachbesucher. Doch der Spirit des Pitti Uomo beherrscht zweimal im Jahr – im Januar und Juni – und oft darüber hinaus das gesamte Stadt- und attraktive Mannsbild. Nun war die Macht der Mode nicht unbedingt schon die der Medici. Erst seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts zieht Florenz mächtig an. Seit mehr als 40 Jahren ist der Pitti Uomo der früheste Termin auf dem Kalender der internationalen Herrenmodemessen. Schon der Name ist Programm. Bezieht er sich doch auf den prächtigen Palazzo Pitti, in dem zwischen 1952 und 1982 Modenschauen liefen. Selbst als sich in den 70er Jahren Mailand zur nationalen Modemetropole mauserte, hielt Florenz wie David gegen Goliath seine Position als Branchentreff für Männermode unter dem Motto: kleiner, aber feiner. Die pfiffigen Florentiner verstanden es dabei immer wieder, internationale Designer-Stars von A wie Armani bis Z wie Zegna auf ihre Seite zu locken: Vivienne Westwood und Dolce & Gabbana mit ihren Kollektionspremieren, Prada und Zegna mit ihrer Sportmode, erst 2010 Jil Sander. Was Florenz wie kaum ein anderer Mitbewerber versteht: dass Mode auch ein Kulturfaktor ist. Und dass es spannend sein kann, Kulturen zu verbinden. Wenn zum Beispiel Star-Choreograf George Wilson zum 50. Pitti Uomo eine eigene Oper für Armani kreiert. Noch heute läuft Zeitzeugen ein Schauer über den Rücken bei der Erinnerung an die von Maurice Bejart choreografierte Versace-Show 1997. In einer Szene richtete Topmodel Naomi Campbell einen Revolver auf den Designer. Keine drei Wochen später wurde Gianni Versace vor seiner Villa in Miami erschossen.
Das internationale Fachpublikum schätzt beim Pitti Uomo den komprimierten Überblick über wichtige Marken, genießt die oft fantasievollen Standbauten, kann spannende Nischenangebote entdecken und lobt das vom Veranstalter Pitti Immagine konzipierte intelligente Rahmenprogramm. Das präsentiert sich meist zwischen den rauen Mauern des ehemaligen Verkehrsknotenpunktes Stazione Leopolda. Dort wird zweimal im Jahr ein großer Bahnhof für die Mode inszeniert –zugänglich auch fürs öffentliche Publikum. Wenn man nicht in einen der alten prächtigen Paläste ausweicht. Davon gibt es ja genug in der Stadt. Nicht wenige Fashion-Familien wie Ferragamo haben ihren eigenen. Und die Florentiner sind offen für prachtvolle Rahmenhandlungen, wohl wissend, dass ihnen solche Events so leicht niemand nachmachen kann.
Das dauerte allerdings, bis die Deutschen die Plattform Pitti Uomo für sich entdeckten. Wen wundert’s, für sie war Männermode bis vor ein paar Jahren noch schlicht HAKA (Herren-Anzüge/Knaben-Anzüge) – und so sahen die Sachen dann auch aus. Erst um die Jahrtausendwende änderte sich das Brot-und-Butter-Geschäft der Herrenausstatter. Als die deutschen Messen in Köln und Düsseldorf an der Herrenmode zerrten wie an zwei Ärmeln eines nicht mehr sitzenden Jacketts, da war „David“ Florenz der lachende Dritte. Viele wollten plötzlich nach Florenz. Den Ausschlag gab Boss, bis dahin Anker-Mieter der Kölner Herren-Mode-Woche. Die Florentiner räumten den Metzinger Modemachern nicht nur attraktive Flächen frei, sondern erlaubten auch eine bombastische Boss-Show auf dem Belvedere, dem Hügel über dem Ponte Vecchio und dem Palazzo Pitti. Das hatte es noch nie gegeben, schon gar nicht an San Giovanni, dem Tag des Schutzheiligen der Stadt. Das Feuerwerk zu dessen Ehren hielten dann auch viele für eines von Boss. So was gefällt den Florentinern, die bekannt sind für ihre ironische Intelligenz. Allen voran der Messechef Raffaello Napoleone. Ihm gelang und gelingt es in nahezu magischer Weise, im alten eigentlich nicht erweiterbaren Gemäuer seines Messegeländes, der Festungsanlage Fortezza da Basso, immer wieder neuen Raum zu schaffen für neue Marken und Ideen. Dabei sind Wartelisten auch ein Marketinginstrument.

Die alten Gemäuer der florentinischen Messe bieten eine traumhafte Kulisse für Ausstellungen und Laufstegpräsentationen.
Die Limousinen überlässt der flotte Florentiner meist seinen Messegästen. Er selbst behält lieber die Nase im Wind und flitzt mit seiner Vespa von Termin zu Termin. Das sind viele an einem Messeabend, denn die Florentiner verstehen Fashion zu feiern. Auch und gerade in Krisenzeiten. In denen gibt Mann sich eher noch eleganter, beißt noch genüsslicher ins Bistecca Fiorentina und feiert noch ausgiebiger auf den Dachterrassen über der Stadt. Könnte ja das vorletzte Mal sein. Oft sieht man Raffaello nur ganz kurz. Aber: Er ist da! Und immer auf dem (Vor-) Sprung. Als man anderenorts noch etwas bemüht den Spagat zwischen Alltags-, Business- und Freizeitmode übte, kreierte Firenze schon Ynform. Junge wilde Modemacher konnten im eigenen Messe-Pavillon die Grenzen der Mode mit neuen Materialien und Verarbeitungen austesten und mit spielerischer Eleganz verwischen. Apropos Grenzen: Italien macht zwar seinen eigenen Stiefel mit der Mode, guckt aber auch über den Rand. In den letzten Jahren hat Messechef Napoleone avantgardistische japanische Modemacher geholt. Berichte und Blogs über deren fetzige Kollektionen wurden weltweit ausgestrahlt und geklickt, auch und gerade in Asien. Mode ist eben keine Einbahnstraße.
Und Fashion bleibt auch nicht hinter Festungsmauern. Während dort die Geschäfte und Schauen laufen, durchmischen in der Stadt auf illustre Weise die Profashionals – von kindlichen Mode-Bloggern bis zu den reifen Modemagazin-Ikonen – die Tagestouristen-Schwärme. Die Ziele sind oft die gleichen: Die Konsum-Kathedralen der Florentiner Gucci und Pucci, natürlich Prada, wo man vielleicht mit dem nächsten Schub Asiaten reinkommt. Dann sind beim Kult-Shop Raspini wahrscheinlich schon wieder die kleinen Größen knapp. Muss man sich eben an den ausgefallenen Dekorationen bei Luisa Via Roma sattsehen im Schatten des mächtigen Duomos (vielleicht hat der ja mal die Missonis bei ihren Mustern inspiriert? Müsste man Lucca Missoni beim nächsten Messetreff mal fragen). Besonders deutlich werden die Unterschiede, wenn das Thermometer zur Sommermesse über die 30-Grad-Marke klettert. In Florenz können’s zur Jahresmitte auch mal 10 Grad mehr sein. Dann wird der Smog zum Weichzeichner der oft krassen Unterschiede zwischen den Erscheinungsbildern von Nord- und Südländern. Die Hauptbeschäftigung der Florentiner sei, bemerkte schon Machiavelli, in prächtigen Gewändern zu erscheinen und im Gespräch eine scharfsinnige Raffinesse zu zeigen. Daran hat sich bis heute wenig geändert.
Wie das aussieht? Cool natürlich.Wenn’s heiß hergeht, schlüpft er in seinen ungefütterten Anzug aus ultraleichtem Seide- Leinen- oder Seide-Baumwoll-Gewebe, trägt dazu geschlossene luftige, leinengefütterte Flechtschuhe. Den Gürtel dazu in passender Farbe, gerne cognac, auch zu Blau oder Schwarz. Sandalen, wenn überhaupt, gehören nur an gepflegte Füße, und dann sind sie nicht waffel- sondern stromlinienförmig und passen im Ton zu den Chinos – zum Anzug sind sie tabu. Der Kenner bevorzugt im Sommer temperaturausgleichendes, hauchdünnes Wollgewebe, als Alternative vielleicht handschuhweiches perforiertes Gazellenleder. Auch Searsucker ist wieder da, dieser praktische Stoff, der aussieht wie Knibbelfolie in Versandtaschen und sich so einfach in die Waschmaschine stopfen lässt. Leinen ist immer cool, besonders, wenn es formell mit feinem Nadel- oder Kreidestreifen zum Tragen kommt. Der Italiener liebt Leinen. Edler knittert nur er selbst. Manchmal ist die Naturfaser so locker verwebt, dass Kette und Schuss allein schon kleine Karos bilden, die dem Stoff Struktur und Charakter verleihen. Als Accessoire ein lässiger windelweicher Leinenschal. Am Abend, wenn man sich nach anstrengenden Messetagen in Palastgärten trifft, kommt der Mikrofaser-Anzug in edlen Metallic-Tönen wie Platin oder Bronze zum Einsatz. Der Latin Lover kombiniert ihn kühn mit einem nachtblauen hauchdünnen Hemd, durch das sein glattes, sonnengebräuntes Sixpack schimmert. Wow!

Das BoF (Business of Fashion), welches von Imran Amed ins Leben gerufen wurde, ist mittlerweile ein etabliertes Portal für tägliche News aus der Modeindustrie geworden. Wer möchte dieser Party schon fernbleiben?
Seufz! Welch ein Unterschied zum deutschen Durchschnittsmann im Sommer. Mode- und Autoliebhaber Ermenegildo Zegna formuliert es diplomatisch: „Die Deutschen haben einen außerordentlich guten Geschmack, wenn es um die Wahl ihres Autos geht. Wenn es ihnen gelänge, ein wenig von dieser Sensibilität auch beim Kauf ihrer Kleidung zu entwickeln, dann könnte das schon sehr schick aussehen.“ Könnte. Nicht jeder Nordländer muss ja gleich wie ein Latin Lover aussehen, aber auch nicht lässig mit nachlässig verwechseln: zerfranste Jeans zum verbeulten T-Shirt, verwaschene Polo-Hemden zu Anzughosen ohne Gürtel, Wintersocken zu Sommersandalen. Die schlimmste, aber leider nicht seltene Kombi-Sünde: Unterhemd zu Fußballer-Shorts. „Männer in kurzen Hosen sind einfach noch nicht erwachsen“, seufzt ein Mode-Kritiker beim Anblick deutscher Tagestouristen auf dem Ponte Vecchio. Es sein denn, die verkürzten Beinkleider schlabbern an den dünnen blassen Waden von Miuccia Pradas Chorknaben-Models. Wenn die solche Modesünden mürrisch über den Catwalk tragen, dann ist es – auch und gerade in Florenz – ein ästhetischer Ausdruck von androgyner Adoleszenz. Ja, beinahe ein Kulturfaktor. Da gehen sogar graue Socken in braunen Sandalen. Ironie in Richtung modegruselige Germanen? Da lacht Miuccia nur und meint augenzwinkernd: „Ich liebe Socken. Sie sind für mich ein wichtiges Accessoire.“ Kann man auch weglassen.
Egal, womit man sich auf die Socken macht, Fashion bleibt in Fahrt in Florenz. Mit den Schwesterveranstaltungen des Pitti Uomo (der mit Pitti Immagine W auch eine kleine Damenabteilung hat), der Pitti Filati (Stoffe und Garne), Pitti Casa (Heimtextilien), Pitti Bimbo (Kindermode), seit 2004 mit der Pitti Fragance (Düfte) sind inzwischen praktisch das ganze Jahr Mode- und Lifestyle-Messe in der Stadt. Vom 18. Bis 24. Juni 2013 ist es wieder so weit. Dann läuft der 84. Pitti Uomo 84. Seit zwei Jahren mit e-Pitti auch auf einer Online-Plattform. Motto: „I can get my Satisfashion.“ Das ist gar nicht so schwer. Ein Jeans-Spezialist hat dazu einen ganz einfachen Tipp: „Reine Baumwolle ohne Stretchanteile und die Hose nicht zu schmal. Dazu ein dünnes T-Shirt. Ende – aus.“
Inges Florenz-Tipps:
Cooking for an Apartment in Florence
Die schönen und originellen Hotels sind schon alle ausgebucht während der Modemesse? Wie wär’s mit einem stylischen Luxus-Apartment in Dom-Nähe? Platinhome. Preis pro Apartment pro Nacht zwischen 314 bis 563 Euro je nach Saison und Apartment-Größe. www.platinhome.it Und wäre doch schade, wenn die tolle Küche darin kalt bliebe. Also engagieren wir Cooking in Florence. Laura Franveschetti bringt alles mit, auch den Wein. Und hinterlässt eine glanzvolle Küche. www.cookinginflorence.com
Schlemmen und schauen
Das große Menü heben wir uns für abends auf. Mittags setzen wir uns mitten in den Mercato Centrale zwischen Arbeiter, Studenten, Hausfrauen auf eine Bank an einem Tisch mit Plastiktischdecke, nachdem wir am Stand häppchenweise lokale Köstlichkeiten ausgesucht haben – und ein Glas Hauswein dazu. Bei schönem Wetter stellen wir uns ein Picknick zusammen und essen draußen. Am letzten Tag kaufen wir Delikatessen für zu Hause, darauf sind die Markthändler schon vorbereitet, auf Wunsch schweißen sie’s ein. Piazza del Mercato Centrale. Übrigens: Hier gab’s nach Feierabend auch schon mal eine Männermodenschau.
Gucci museumsreif
Schwimmflossen mit dem berühmten G von Gucci – ja die gibt’s, die sind sogar schon museumsreif. Zu sehen zusammen mit den Kollektionen der vergangenen Jahrzehnte im Gucci Museo, Piazza della Signoria, täglich zwischen 10 und 20 Uhr, Café-Restaurant von 10 bis 23 Uhr. www.guccimuseo.com
Der Schuhmacher der Stars
There is no business like Shoe-Business. Das wusste keiner besser als Salavator Ferragamo, „der Schuhmacher der Träume“. Greta Garbo, Rita Hayworth, Sophia Loren, Audrey Hepburn – die Liste der Stars ist lang und die Holzmodelle der berühmten Kundinnen sind noch ebenso zu bestaunen wie die schönsten Modelle, im Museo Salvatore Ferragamo, Piazza Santa Trinita 5r, täglich (außer Dienstags) von 10 bis 18 Uhr. Virtuelle Vorschau: www.ferragamo.com
Weitere Tipps:
Hochklassige Restaurants
Enoteca Pinchiorri
Via Ghibellina 87, 50122 Firenze
Ora d’Aria
Via Dei Georgofili 11, Rosso Firenze
Pane e Vino
Piazza di Cestello, 50124 Firenze
Alle Murate
Via del Proconsolo 16, 50122 Firenze
Populäre Restaurants
Il Santo Bevitore
Via di Santo Spirito 64, 50125 Firenze
Il Latini
Via dei Palchetti 6, 50123 Firenze
Lungarno 23
Lungarno Torrigiani 23, 50125 Firenze
Il Beccaio
Lungarno F. Ferrucci 9, 50126 Firenze
Bars
Rivoire
Piazza della Signoria 5, 50122 Firenze
I Gigli
Piazza della Repubblica 28, 50123 Firenze
Dei Frescobaldi
wine bar and restaurant
Cabiria e Caffè
Piazza di Santo Spirito 4, 50125 Firenze
Hotels
Brunelleschi Firenze
Piazza Santa Elisabetta 3, 50122 Firenzete
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